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Overthinking: Du weißt es doch längst.

28. Aug.
4 Min. Lesezeit

Du überlegst, ob du deinen Job kündigen sollst.


Also machst du, was vernünftige Menschen machen: Du denkst nach. Schließlich kündigt man nicht mal eben einen Job, nur weil einem montagmorgens nach Mord zumute ist. 


Als erstes schaust du dir deine Finanzen an. Überlegst, welche Alternativen du hast. Sprichst mit ein paar Leuten. Googelst vielleicht „Wann sollte man seinen Job kündigen?“. Ergebnis: Zehn Anzeichen. Neun passen. Eigentlich ein ziemlich ordentliches Ergebnis. Aber Nummer sieben passt nicht ganz. Und überhaupt sollte man so eine wichtige Entscheidung ja nicht überstürzen. 


Darum liest du noch einen Artikel. „5 Gründe, warum du deinen Job NICHT kündigen solltest.“ Aha. Jetzt wird’s interessant. Dann noch ein Podcast. Ein Gespräch mit einem Freund. Deine Partnerin findet, du solltest gehen. Dein Vater meint, du solltest froh sein, überhaupt einen sicheren Job zu haben. Hilfreich.


Deswegen fragst du noch jemanden. Und irgendwann hast du 14 offene Tabs, drei Listen, sieben Meinungen und weißt vor allem eines: Du musst noch mal darüber nachdenken.



Overthinking kann verdammt vernünftig aussehen


Das Gemeine an der Sache ist: Du tust ja etwas. Du recherchierst. Vergleichst. Wägst ab. Holst dir Rat. Du beschäftigst dich ernsthaft mit deiner Entscheidung. Niemand kann dir vorwerfen, dass du leichtfertig handelst. Nicht einmal du selbst. Overthinking at its best.


Und natürlich kann all das sinnvoll sein. Wenn du etwas nicht weißt, solltest du es herausfinden. Wenn du deine Optionen nicht kennst, solltest du sie dir anschauen. Und wenn dir jemand eine Perspektive zeigen kann, die du bisher übersehen hast, hör verdammt noch mal zu.


Nur gibt es einen Punkt, an dem du längst nicht mehr versuchst, etwas herauszufinden. Du versuchst, etwas zu finden. Und zwar die Antwort, die dir gefällt.


Das merkt man manchmal an einer erstaunlichen kleinen Besonderheit: Die Argumente für die ungeliebte Variante kennst du inzwischen auswendig. Trotzdem prüfst du sie immer wieder. Ein neues Argument für die gewünschte Variante dagegen muss häufig erstaunlich wenig leisten. Endlich jemand, der es genauso sieht wie du? Na also. Geht doch.



Vielleicht suchst du gar keine Antwort


Nehmen wir an, du weißt seit Monaten, dass du aus diesem Job raus willst. Dann müsste die Suche irgendwann vorbei sein. Ist sie aber nicht. Warum? Vielleicht, weil du gar nicht mehr wissen willst, ob du kündigen solltest.


Vielleicht suchst du jemanden, der dir garantiert, dass danach alles gut wird. Dass du schnell einen besseren Job findest. Dass du finanziell keinen Rückschritt machst. Dass dein Lebenslauf keinen Knick bekommt. Dass deine Familie deine Entscheidung versteht. Dass du in sechs Monaten nicht dasitzt und denkst: Scheiße, war wohl doch keine Glanzleistung.


Mit anderen Worten: Du suchst nicht mehr nach Klarheit. Du suchst nach Gewissheit. Und da wird es schwierig. Denn Google kennt eine Menge. Deinen nächsten Arbeitgeber aber definitiv nicht.



Die Antwort ist manchmal gar nicht das Problem


Vielleicht weißt du also längst, was du willst. Was dir nicht gefällt, ist das, was danach kommt.


Wenn du kündigst, musst du Unsicherheit akzeptieren. Vielleicht verdienst du erst einmal weniger. Vielleicht findest du nicht sofort etwas Neues. Vielleicht musst du deinen Lebensstandard runterschrauben. Vielleicht hält dein Vater dich für bescheuert. Vielleicht stellt sich nach drei Monaten heraus, dass dein neuer Chef ebenfalls ein Idiot ist, nur diesmal mit einem schöneren LinkedIn-Profil.


Das alles kann passieren. Aber bleiben hat ebenfalls einen Preis. Dann musst du akzeptieren, dass du Montagmorgen weiterhin in dieses Auto steigst. Dass der Job vermutlich nicht plötzlich interessant wird. Dass dein Chef nicht über Nacht eine völlig neue Persönlichkeit entwickelt. Und dass aus den zwei Jahren, die du schon unzufrieden bist, irgendwann drei werden können.


Plötzlich geht es nicht mehr um richtig oder falsch. Es geht um zwei Möglichkeiten, die beide etwas kosten. Und genau das ist bei vielen schwierigen Entscheidungen der Teil, den wir gerne überspringen würden.


Wir hätten gern die richtige Entscheidung plus Sicherheit plus keinen Verlust plus keinen Ärger plus die Garantie, dass wir sie später nicht bereuen.

Kann man wollen. Ist nur leider kein besonders realistisches Geschäftsmodell.



Deshalb kannst du noch sehr lange weitersuchen


Denn solange du weiter recherchierst, musst du diesen Preis noch nicht akzeptieren. Du kannst dir sagen, dass die Entscheidung eben noch nicht reif ist. Dass du noch nicht genug weißt. Dass du erst noch diese eine Sache klären willst.


Und vielleicht taucht sie ja tatsächlich noch auf: diese wunderbare Information, die plötzlich alles löst. Der neue Job mit mehr Geld, weniger Arbeit, fantastischem Chef und zwölf Minuten Arbeitsweg. Der Partner, der sich endlich ändert, ohne dass du ein einziges unangenehmes Gespräch führen musst. Die Selbstständigkeit ohne finanzielles Risiko. Die große Entscheidung ohne die Möglichkeit, sie zu bereuen.


Falls du so etwas findest, nimm zwei. Für den Rest von uns bleibt das Problem bestehen.



Was willst du eigentlich nicht akzeptieren?


Wenn du eine Entscheidung inzwischen von allen Seiten kennst, immer wieder dieselben Argumente bewegst und trotzdem noch nach der nächsten Meinung, dem nächsten Artikel oder dem nächsten Gedanken suchst, würde ich deshalb an einer anderen Stelle weitermachen.


Nicht bei Google. Bei dir.

Was weißt du eigentlich längst?

Nicht: Was vermutest du? Nicht: Was wäre schön? Sondern was weißt du nach allem, was du gesehen, erlebt und durchdacht hast, eigentlich längst?


Und dann kommt die wesentlich unangenehmere Frage:

Was müsstest du akzeptieren, wenn du danach handelst?

Dass du jemanden enttäuschst? Dass du Geld verlierst? Dass du etwas aufgeben musst, an dem du lange festgehalten hast? Dass du einen Fehler eingestehen musst? Dass du keine Garantie bekommst? Dass deine Entscheidung jemand anderes komplett bescheuert findet?


Oder schlicht, dass es keine Variante gibt, bei der du alles behalten kannst? Da lohnt es sich hinzuschauen. Denn vielleicht fehlt dir wirklich noch etwas, bevor du entscheiden kannst.


Aber wenn du seit Wochen immer wieder dieselben Informationen neu sortierst, dieselben Leute mit leicht veränderten Fragen nervst und beim 47. Google-Treffer immer noch auf die Erleuchtung wartest, ist eine andere Erklärung zumindest einen Gedanken wert:


Vielleicht findest du keine bessere Antwort, weil du längst eine hast. Du verhandelst nur noch über ihren Preis.



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